19.08.12 - Beat - Fiesch - Frutigen


Meine erste Alpenüberquerung

Es ist bereits Montag, 00:30 Uhr – endlich alles fertig und der Montag vorbereitet, ja, Arbeit ist wieder angesagt. Ich bin so richtig müde, extrem zufrieden und gehe zu Bett – und doch liege ich noch lange wach. So viele Eindrücke, so viele Erlebnisse, ein so ereignisreicher Tag muss zuerst verarbeitet sein.

Bereits anfangs Woche blockiere ich den Freitag und Sonntag in meinem Outlook – es könnte sein, dass es endlich mal gutes Flugwetter gibt und ich sogar frei machen kann – ausser Samstag.

Und tatsächlich – am Freitag starte ich kurz vor 12.00 Uhr in Fiesch, kann sofort aufdrehen, das Goms hoch, überfliege erstmals Grimsel und Furka und lande schlussendlich nach 60 km in Andermatt. Am Oberalp konnte ich nicht mehr anhängen. Ich bin erst das dritte Mal zum Fliegen im Wallis und so mit meinem Flug doch ganz zufrieden. Weil am Samstag Termine, geht es mit der Tageskarte der SBB nicht zurück ins Wallis sondern Nachhause ins Baselbiet – am Sonntag komme ich wieder!

Am Samstag Abend sind über 150 Flüge im XC eingegeben und ich lese von den traumhaften Bedingungen, Basis über 4‘000 m (am Freitag bei knapp 3‘500 m). Gibt’s denn das – immer wenn ich nicht im Wallis bin, sind die Bedingungen optimal.

Doch warten wir ab. Der Sonntag sieht ja auch recht gut aus, ausser dass die Thermik nochmals etwas später einsetzt und die Inversion auf rund 2‘400 m noch etwas stärker ist. Denn eigentlich habe ich mein Jahresziel – den ersten 100er zu fliegen – auf dem Programm.

Am Morgen wieder in den Zug und rund 4 Stunden später sitzen eine ganze Gruppe von Fly-In und einigen Hohwacht Piloten auf der Fiescheralp in der Gartenbeiz vom Alpina. Alle schwärmen vom Samstag – grrrr… - und dann kommt die Meldung: auf 3‘000 m soll es einen 30er Nord geben – super! Und der Blick in die Luft zeigt, dass - obwohl schon bald 12.00 Uhr - erst wenige Piloten gestartet sind und diese enorm zu kämpfen haben. So richtig Höhe konnte noch keiner machen (PS: einzig der Maurer Chrigel ist schon vor elf Uhr gestartet und mit geringer Höhe gleich ab ins Goms – es wurden 259 km!).

Zurück in meine Welt. Um 12.38 starte ich – die ersten 100 m Höhe gehen gut, dann wird es erwartet zäh. Ab in den Schlauch mit Piloten soweit das Auge reichte – alle drehen nach rechts – bis auf zwei, die meinen nach links drehen zu müssen! Der „Verkehr“ ist unglaublich, ich wünsche mir einen einsamen Schlauch! Etwas weiter hinten geht es dann besser, plötzlich durch die Inversion und ab. Mit rund 3‘200 m fliege ich los Richtung Osten. Wow, welch eine tolle Basis. Auf der Höhe von Reckingen zeigte mein Vario erstmals in meiner „Karriere“ vorne eine „4“ an – 4‘000 m – was für eine Aussicht! Nun wird der Ost spürbar stärker und ich entscheide mich bei Ulrichen zu wenden – ich sehe in Richtung Osten nämlich keinen Piloten mehr – jedenfalls nicht mehr mit einer guten Höhe.

Zurück nach Fiesch geht es zügig – kurzfristig mit einem 60er. Allerdings bin ich plötzlich recht tief, sogar unter dem Startplatz und „knorze“ mit der Höhe. Endlich beim Blausee finde ich einen richtig satten Schlauch und drehe wieder auf über 4‘000 m. Schon bald wähne ich mich über dem Bietschhorn – auf fast 4‘600 m Höhe – ich kann es kaum glauben. Schnell wieder mal ein paar Fotos knipsen und jetzt?

Eine Alpenüberquerung hatte ich erst für die Saison 2013 als Ziel gesetzt – aber mit dieser Höhe muss man das doch in Angriff nehmen. Nur wo queren? Ich bin nicht darauf vorbereitet und meine geografischen Kenntnisse sind auch nicht so wirklich gut. Was ich aber weiss: aufpassen beim Lötschental – sonst „frisst“ es dich. Mit dieser Höhe sehe ich jedoch keine Gefahr. Also los, leicht in den Speeder – zwischen Tschingelhorn und Breithorn sieht es gut aus: Von dort könnte man dann in Richtung Jungfrau – Grindelwald. Alles geht gut – aber das Überfliegen des Lötschentals zieht sich. Mein Fehler: ich muss Richtung NO fliegen – merke den Wind zu wenig und fliege eine „Hundskurve“. Mit mehr aufkreuzen hätte es wohl gereicht. Aber so komme ich rund 50 bis 100 m zu tief an und will dann dem Grat entlang fliegen. Und da ist es passiert – jetzt geht es RUNTER – ich finde dazwischen einen zerhackten Leeschlauch, komme nochmals auf etwas über 3'000 m bis es nun so richtig zu „saufen“ beginnt.

Das darf doch nicht wahr sein – so kurz vor dem Ziel – und alles weg! Es „spült“ weiter. Jetzt einfach aufpassen, dass ich da unten gut landen kann – hinter dem Stausee hat es Wiesen. Blockiert und frustriert finde ich mich schon bei der Landeeinteilung – der Spruch, „der Flug ist erst fertig, wenn du am Boden stehst“, kommt mir wie ein Hohn vor – es „sauft“ ja überall. Doch… der Wald auf der Südseite, darin eingelagert eine Mulde – vielleicht… ich bin schon unter 1‘900 m, keine 500 m mehr über Boden. Wenn man von 4‘600 m kommt, ist das praktisch gleich null. Und plötzlich – das Vario fängt langsam zu pipsen – der Ton höher und schneller – da ist ein Schlauch! Ich drehe ganz fein ein – tatsächlich – plötzlich wieder auf 2‘000 m, 2‘500 m, 3‘000 m – nun wird das Steigen schwächer – soll ich nach vorne zum Tal raus? Aber schon wird das Pipsen wieder schneller. Nach 22 Minuten finde ich mich wieder auf 4‘640 m! Das sind 2‘800 Höhenmeter im einem Schlauch, 63 Kreise ergab die Auswertung. Das habe ich noch nie erlebt. Ich schreie vor Glück!

So, jetzt kriegst Du mich nicht mehr. Auf los geht’s los, denn es ist nämlich bereits viertel nach fünf. Leicht Richtung Westen – mit Rückenwind geht’s bedeutend einfacher! Am Balmhorn vorbei ins Gasterntal – geschafft! Ein unbeschreibliches Gefühl. Ich bin so zufrieden, dass ich einfach nur noch gleite, etwas fotografiere und nach 5 Stunden, 23 Minuten und 36 Sekunden kurz vor Frutigen lande! 93.7 Kilometer – das Jahresziel 2012 ist noch offen, aber das von 2013 schon „im Sack“.

Und so finde ich meinen Schlaf, träume vom Flug, den ich wohl nicht so schnell vergesse. Fliegen zu dürfen ist ein Privileg.